Allergien und Asthma bei Kindern und Jugendlichen - das PINA online-Buch

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14. Allergie-VorbeugungLinie Kapitelüberschrift
14. Allergie-Vorbeugung
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Allergien und Asthma haben in den letzten Jahrzehnten rasant und Besorgnis erregend zugenommen und stellen eine große medizinische und gesundheitspolitische Herausforderung dar. Eine ungeheuer wichtige Aufgabe ist es daher, wirksame vorbeugende Strategien zur Vermeidung von Allergien und Asthma zu entwickeln. Dazu sind auch in Zukunft noch gewaltige Forschungsanstrengungen nötig, um besser zu verstehen, was vor Allergien schützt und wodurch das Allergierisiko erhöht wird (siehe auch Pfeil Kapitel 2). Die Leitlinie zur Allergie-Vorbeugung wurde 2014 dem aktuellen Kenntnisstand angepasst.

14.1 Ziele der Allergie-Vorbeugung
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Maßnahmen zur Allergie-Vorbeugung (= Allergie-Prävention) können auf verschiedenen Ebenen ansetzen. Sie haben folgende Ziele:

  1. Primäre Allergie-Prävention
    Die Entstehung von Allergien, Asthma bronchiale und Neurodermitis soll verhindert werden, bevor die Krankheit ausbricht. Dies ist natürlich das Hauptziel aller vorbeugenden Maßnahmen. Dieses Kapitel befasst sich hauptsächlich mit der primären Allergie-Prävention.

  2. Sekundäre Allergie-Prävention
    Bei Kindern, bei denen bereits eine Sensibilisierung (= Bildung von Allergieantikörpern) stattgefunden hat, die aber (noch) keine Allergiebeschwerden haben, soll dem Ausbruch einer allergischen Erkrankung (Neurodermitis, Heuschnupfen oder Asthma bronchiale) entgegengewirkt werden.

  3. Tertiäre Allergie-Prävention
    Bei Kindern, bei denen bereits eine allergische Erkrankung oder ein allergisches Asthma bronchiale vorliegt, sollen die Beschwerden reduziert und damit auch der Medikamentenverbrauch vermindert werden.

14.2 Bei wem sollen vorbeugende Maßnahmen eingesetzt werden?
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Ziel der primären Allergie-Vorbeugung ist es, Kinder von Anfang an vor der Entwicklung einer Allergie oder eines Asthma bronchiale zu schützen. Am wirkungsvollsten ist es, vorbeugende Maßnahmen gezielt bei der Gruppe mit dem höchsten Allergie- und Asthmarisiko einzusetzen (Risikokinder). Die beste Voraussage des Risikos, an einer Allergie zu erkranken, liefert nach wie vor die Allergiebelastung in der Familie (siehe Pfeil Tabelle 14.1). Im medizinischen Alltag durchführbare Tests (z.B. Gentests), welche die individuelle Risikoabschätzung verbessern könnten, stehen bisher nicht zur Verfügung.

 

Tabelle 14-1: Allergierisiko eines Neugeborenen

familiäre Belastung Allergierisiko
kein Allergiker in der Familie 5-15%
1 allergisches Geschwister 25-35%
1 allergischer Elternteil 20-40%
2 allergische Eltern 40-60%
2 allergische Eltern mit selber Allergie 50-70%

Zielgruppe der primären Allergie-Prävention sind daher vor allem Kinder, deren Eltern oder Geschwister an allergischen Erkrankungen leiden.

Grundsätzlich sollten jedoch alle Familien die unten genannten allgemeinen Maßnahmen zur Allergie-Vorbeugung ergreifen, auch wenn (noch) keine allergischen Erkrankungen in der Familie bekannt sind.

Für Risikokinder gilt zusätzlich, dass eine Hydrolysat-Nahrung verwendet werden sollte, wenn ausschließliches Stillen in den ersten 4 Monaten nicht möglich ist und dass keine Katze neu angeschafft werden sollte.

14.3 Wie kann man einer Allergie-Entstehung vorbeugen?
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Generell gibt es zwei Ansätze, in das Geschehen der Allergie-Entstehung einzugreifen:

  1. Vermeidung von Umweltfaktoren, welche Allergien fördern (z.B. Tabakrauch, Allergieauslöser).
  2. Förderung von schützenden Faktoren, welche Allergien entgegenwirken (z.B. Stillen).

Folgende Maßnahmen zur Allergie-Vorbeugung sind bei Risikokindern (d.h. mindestens ein Elternteil oder Geschwister hat Asthma, Heuschnupfen oder Neurodermitis) nach dem heutigen Kenntnisstand sinnvoll:

14.3.1 Allergie-Vorbeugung in der Schwangerschaft

a) Ausgewogene und nährstoffdeckende Ernährung
Die Mutter sollte sich in der Schwangerschaft ausgewogen und nährstoffdeckend ernähren. Für den Nutzen einer allergenarmen Ernährung (z.B. kuhmilch- und hühnereiweißfreie Kost) der Mutter in der Schwangerschaft gibt es keine Hinweise. Da eine Mangelernährung bei der Mutter auch dem ungeborenen Kind schadet, muss eindeutig davon abgeraten werden, die Ernährung in der Schwangerschaft einseitig einzuschränken. Ausgenommen sind lediglich Mütter, die aufgrund einer eigenen allergischen Erkrankung eine Diät einhalten müssen. Es gibt Hinweise, dass Fisch in der mütterlichen Ernährung während der Schwangerschaft oder Stillzeit einen schützenden Effekt auf die Entwicklung allergischer Erkrankungen beim Kind hat.

b) Kein Kontakt mit Tabakrauch
Es ist klar belegt, dass die so genannte "Passivrauchexposition" bereits dem ungeborenen Kind schadet und das Allergierisiko erhöht. Das Kind darf daher schon während der Schwangerschaft nicht in Kontakt mit Tabakrauch kommen. Insbesondere sollte die schwangere Mutter nicht rauchen.

c) weitere Umweltfaktoren
Die vorbeugende Meidung von Allergieauslösern wie Hausstaubmilben oder Tieren in der Schwangerschaft durch die Mutter ist nicht notwendig.

14.3.2 Allergie-Vorbeugung nach der Geburt

a) Ernährung des Neugeborenen und Säuglings

b) Umweltfaktoren

c) Sonstiges

14.4 Zukünftige Strategien
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a) Bessere Identifizierung von Risikokindern

Durch eine bessere Identifizierung von Risikokindern könnten vorbeugende Maßnahmen gezielter eingesetzt und in ihrer Intensität besser abgestuft werden.

b) Probiotika und Präbiotika

Probiotika sind Mikroorganismen, welche im Darm positive gesundheitliche Wirkungen erzielen sollen. Erste Studien ließen einen schützenden Effekt für eine Neurodermitis vermuten (siehe auch Pfeil Kapitel 2.4.2). Die meisten Folgeuntersuchungen wie z.B. eine Untersuchung der Universitätskinderklinik Freiburg konnten jedoch keine Allergie-vorbeugenden Effekte zeigen. Zum jetzigen Zeitpunkt kann daher die Gabe von Probiotika zur primären Allergie-Vorbeugung nicht empfohlen werden.

Präbiotika sind für Menschen unverdauliche zusammengesetzte Zucker (Polysaccharide), welche das Wachstum erwünschter Darmbakterien fördern sollen. Auch für Präbiotika liegen noch keine überzeugenden Langzeitergebnisse in Bezug auf eine Allergie-vorbeugende Wirkung vor.

c) Ernährung

Es gibt Hinweise, dass der Genuss von Gemüse und Früchten (sog. mediterrane Kost), von Omega-3-Fettsäuren sowie Milchfett einen Allergie-verbeugenden Effekt hat.

d) Weitere schützende Faktoren

Es wird fieberhaft daran gearbeitet, die schützenden Faktoren, die eine geringere Allergiehäufigkeit bei Bauernkindern bewirken, zu erforschen und zur Vorbeugung einzusetzen. Eine Nachahmung dieses Effektes z.B. durch die Verabreichung von Bakterienlösungen an Säuglinge zeigte bisher keine eindeutigen Effekte.

14.5 Zusammenfassung
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Empfehlungen zur Allergie-Vorbeugung

  • Keine Tabakrauch-Belastung in und nach der Schwangerschaft
  • Ausgewogene und nährstoffdeckende Ernährung in der Schwangerschaft und Stillzeit sowie im ersten Lebensjahr
  • Mütterliche Diät zur Allergie-Vorbeugung in der Schwangerschaft und Stillzeit ist nicht sinnvoll
  • 4 Monate voll stillen
  • falls Stillen nicht möglich:
    • Kinder mit erhöhtem Allergierisiko: Hydrolysatnahrung in den ersten 4 Monaten, Sojanahrung zur Allergievorbeugung nicht sinnvoll
    • kein erhöhtes Allergierisiko: normale Säuglingsanfangsnahrung
  • Beikost beginnen, wenn das Kind volle 4 Monate alt ist (d.h. ab Beginn des 5. Lebensmonats)
  • potentielle Nahrungsmittelallergene wie Ei, Fisch oder glutenhaltiges Getreide müssen nicht gemieden werden
  • Übergewicht vermeiden
  • Haustiere:
    • Kinder mit erhöhtem Allergierisiko: keine Katze neu anschaffen
    • kein erhöhtes Allergierisiko: keine Einschränkungen
  • Hausstaubmilben: spezielle Maßnahmen zur Reduktion der Hausstaubmilbenbelastung nicht empfohlen
  • Schimmelpilzwachstum entgegenwirken: hohe Luftfeuchtigkeit in Innenräumen vermeiden
  • Innenraumschadstoffe (z.B. Formaldehyd aus neuen Möbeln) insbesondere im Kinderzimmer meiden
  • Kfz-Abgase meiden
  • Empfohlene Schutzimpfungen durchführen
  • Erhöhtes Allergie-Risiko bei Kaiserschnittentbindung beachten

© Dr. P.J.Fischer - pina 8/2002 - 11/2014
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